Die gestreamte Revolution und die Demo

30 10 2009

Also das hat mich schon gewundert. Gestern auf der Demo wurde ich doch glatt aufgefordert, mir eine Einwilligung der Personen zu holen, die ich filme bzw. darauf aufmerksam gemacht, dass „die Leute nicht gefilmt werden wollen“. Ok, es war ein Einzelfall, aber er amüsierte mich. Eine angekündigte, öffentliche Großdemo mit 50.000 Teilnehmern im öffentlichen Raum für eine von der Bevölkerung großteils als positiv bewerteten Sache und ich darf nicht fotografieren und filmen. Also manche Ansichten sind wirklich sehr radikal oder vielleicht hat der liebe Kollege auch an zu vielen „nicht so friedlichen Demos“ teilgenommen…

nostream

Diese Texte hängen unter anderen auch im Audimax. Natürlich akzeptiere und respektiere ich die Meinungspluralität bei dieser Bewegung (obwohl sie von einigen Kollegen nicht akzeptiert wird, wenn mal ein Gegner der Besetzungen spricht), aber die Aussage des Plakates ist schlichtweg falsch. Natürlich bin ich ein massiver Gegner von Überwachung, aber bei #unibrennt geht es um eine öffentliche und offene Bewegung, an der jeder (der sich vielleicht so nicht ins Audimax trauen würde) partizipieren soll und kann. Im gesamten deutschsprachigen Raum gibt es positive Rückmeldungen über diese offene Form des Diskurses über eine neue Bildungspolitik. Alles, was derzeit abläuft, haben wir nicht etwa einem Öffentlich Rechtlichen Rundfunk zu verdanken, der gezielt immer dann anrückt, wenn das Audimax ziemlich leer ist und danach auf der Straße Leute zu Wort kommen lässt, die für Gebühren sind, damit „nicht alles studieren kann“ – sondern unseren eigenen Kanälen. Via Facebook, Skype, Studivz, Livestreams (3000 Zuseher!), Twitter, etc… haben wir uns vernetzt und koordiniert und schlussendlich eine der größten Demos Österreichs zustande gebracht – und nein, es waren niemals nur 10.000 Leute. Wers nicht glaubt, kann gerne nachzählen!

Was für eine Veranstaltung! Für die Menge hätten wir 40 Audimaxe‘ gebraucht, um alle Teilnehmer unterzubringen. Soviel Energie lag in der Luft, ein wahrer Höhepunkt dieser Bewegung. Am Schluss musste sogar der Ring bis 2:00 Uhr gesperrt bleiben, während Ja Panik! und Luise Pop auf der Spitze der Unirampe die Menge bespielte.
Das alles haben WIR geschafft. Mithilfe nationaler und internationaler Vernetzung mittels neuer Medien.
Sonst hätten nie Medien, Schüler, Studenten, Migranten, Arbeiter, Angestellte, Junge, Alte, Behinderte und Professoren zu uns gefunden, unsere Meinung gehört und sich mit uns solidarisiert.
Was für eine schöne Zeit, in der den Mainstreammedien nicht mehr blind vertraut wird, die uns als partymachende Säufer ohne Plan und Ziel hingestellt haben. Denn wer mal einen Tag den Stream verfolgt hat, wird sehen, wie subjektiv die sogenannten unabhängigen Medien über die Besetzungen der Hörsäle berichtet haben.

Demo

Der vorläufige Höhepunkt des Protestes ist nun erreicht. Nun muss man darauf achten, dass die Netzwerke nicht müde werden und sich von der ständig abwartenden und gesprächsverweigernden Politik nicht demotivieren lassen. Zu viele Meinungen und Richtungen haben sich aufgetan, erste Diskrepanzen kristallisieren sich heraus und die Netzwerke werden durch neue nationale und internationale Besetzungen und Informationsüberschuss stark belastet – ich hoffe, allen wird das höhere Ziel der Bewegung bewusst, helfen mit und lassen sich nicht unterkriegen!
Auch nicht durch Bombendrohungen!

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Ein unlöschbarer Flächenbrand. Die #unibrennt!

27 10 2009

Jetzt ist es passiert. Die Studenten der Österreichischen Universitäten hatten endlich genug von den Einschränkungen, schwachsinnigen Anmeldesystemen, Voraussetzungsketten, stetig wachsendem Einfluss der Politik und vielen weiteren Punkten. Die Generation Praktikum, die mutmaßlich lieber schnell ausgebildet, als umfassend gebildet werden will, die angeblich keine Interesse an Politik mehr hat, hat sich vereinigt und, ausgehend von der Besetzung der Akademie der Bildenden Künste, den größten Lehrsaal der Universität, das Audimax besetzt.

Ich erfuhr von der Besetzung zeitgleich via Telefon und Twitter und machte mich so schnell wie möglich auf den Weg – und streamte mein erstes Eintreffen sogar Live, schickte auch gleich, wie viele andere, ein paar Fotos und Videos hinterher (das wars ab jetzt mit Eigenlinks, versprochen ;)).
Die Onlinemedien sprangen auf und schon bald war das Audimax voller als bei einer Einführungsvorlesung der Publizistik.

Audimaxbesetzung

Am ersten Tag wurden zahlreiche Reden geschwungen und Parolen gebrüllt, am Abend ausgiebig und zivilisiert gefeiert. Die Uni gehörte uns!
Wie immer bei öffentlichen Räumen, die 24h lang zugänglich sind, kam es zu Vorfällen wie mit Permanent Marker getaggte Wände und einem kleinen zerbrochenem Glaselement einer Türe.
Die Schäden wurden am nächsten Tag von der Uni mit 100.000€ beziffert. Den Sachverständiger muss ich mir im Falle des Falles mal ausborgen.

Dementsprechend fiel auch die erste Berichterstattung der konservativen Blätter aus. Ein unorganisierter Haufen macht 24h Party lautete der Tenor (und hält sich teilweise auch bis dato).

Am Ende des ersten Tages hatten mein Content an die 10.000 Views, ich war in großen Onlinemedien verlinkt, Anfragen für Fotos lagen im Email-Postfach und RTL wollte mich (für 50€ :p) als Kameramann engagieren.

Schon am Tag zwei erwuchsen deutlich sichtbare basisdemokratische Strukturen. Die Arbeitsgruppen, die sich schon am Vortag gebildet hatten, nahmen ihre Arbeit auf und präsentierten die Ergebnisse im Plenum. Eine Infrastruktur von Presse bishin zu einer Küche war im Aufbau und am Tage wurde schon mal eifrig demonstriert.

Audimaxtag5

Wer heute, am Tag 6, das Audimax betritt, findet sich in einer eigenen Welt wieder. Es steckt Energie in diesem großen Raum. Es gibt mittlerweile 75 Arbeitsgruppen, die diverseste Dinge in der Gruppe diskutieren, herstellen und präsentieren. Von 7:00 Uhr früh bis 1:00 Uhr morgens gibt es an mehreren Standorten Plenen, Vorträge, Filme und Diskussionen mit internationalen ExpertInnen. Alle sind gleich und jeder darf seine Anliegen vorbringen und mitdiskutieren. Beschlüsse werden ebenso gefasst. Eine kleine Stadt ist entstanden. Jeder ist integriert, kann mithelfen, wird und fühlt sich gebraucht.
Ein Livestream aus dem Audimax (und jetzt auch aus bis dato 4 weiteren Universitäten) versorgt ca. 3000 Personen mit Informationen, die gerade nicht vorort sein können bzw. aufgrund der chronischen Überfüllung einfach nicht mehr in den Raum kommen. Daneben wird simultan in Gebärdensprache übersetzt. Im Hintergrund läuft eine Twitterwall, die es jedem erlaubt zu partizipieren. Eine Website vernetzt alle deutschsprachigen Unis, es gibt ein Wiki, einen Youtube-Kanal und eine Datenbank mit Material. Kurz: in einer knappen Woche wurde signifikant mehr gemacht und aufgebaut, als es die Uni in den letzten Jahren geschafft hatte.
Nun sind wir effizient und vernetzt. Andere Universitäten, Schulen, Parteien, Firmen, Arbeiter, Konzerne, Gruppen, … solidarisieren sich, die Medien, v.a. die für die Mainstreammeinung wichtigen Boulevardmedien, berichten nun neutral bis überaus positiv.
Lt. Robert Misik hängen auch sämtliche Journalisten vor den Livestreams, weil sie einfach nicht glauben können, wie effizient, gemeinsam, fair und organisiert die Bewegung arbeitet.
Hier eine gute Linksammlung zu diesem Thema.
Natürlich gibt es nach wie vor Gruppen, denen die Besetzung gar nicht passt, denen es IMHO aber einfach nur an vorurteilsfreier Selbstreflexion fehlt. Hier ein guter Blogpost dazu.

Wer von der Aufbruchstimmung angesteckt werden will, soll einfach in seine nächstgelegene Uni schauen und sich an einem Plenum oder einem Vortrag beteiligen bzw. sich die On-Demand Streams (zB. diesen oder jenen (ab Minute 5)) ansehen, denn sonst versäumt er/sie das bildungspolitisch wohl wichtigste Ereignis des (mindestens) Jahrzehnts.
StudentInnen, die konstruktiv, natürlich nicht immer ganz Problemlos, an einer Lösung der Bildungsmisere arbeiten und um Anhörung ihrer Probleme bzw. einen konstruktiven Diskurs betteln und auf der anderen Seite eine vollkommen verstörte, diskussionsunwillige und handlungsunfähige Politik, allen voran Dr. Hahn, der ja jetzt gerade ins Exil für unfähige Politiker abgeschoben wird.

Während ich dieses Posting schreibe, werden gerade zahlreiche Hörsäle in ganz Österreich besetzt und die Technische sowie die Versorgungsinfrastruktur dorthin ausgeweitet.
Es wäre also nicht schlecht, demnächst mal Diskussionsbereitschaft zu zeigen – und nicht mit einem gewählten Vertreter (sowas gibt es bei uns nicht), sondern im Plenum. Sachlich, fundiert.
Denn das Monster wächst und ist schon jetzt nicht mehr zu stoppen. Willkommen in der Politik 2.0!





Multimedia mobil

21 10 2009

Ich reize ja gerne meine Hard- und Software aus. Meine Computer laufen meist 24/7 und haben nur selten mal nichts zu tun. Ich übertrage, synchronisiere, transferiere, sichere, berechne, wandle meine Daten und installiere mir mit Freuden kleine Progrämmchen und Helferlein, die mir dabei zur Hand gehen. Seit ich einen Mac habe, muss ich noch dazu den Computer nicht ständig ausmüllen, weil das System trotzdem noch stabil läuft – obwohl ich es schon auf den vierten Laptop überspielt und zum dritten mal aufs neueste Betriebssystem upgedated habe.

Im Sommer tätigte ich dann eine der besten Investitionen, die man machen kann. Ich gönnte mir das iPhone 3GS. Da also mein Laptop ständig etwas zu tun hat, Serveraufgaben übernimmt bzw. gleichzeitig mit 5 externen Festplatten verbunden ist, endlich eine Möglichkeit, mobil zu Arbeiten.

Hier meine Lieblings-Apps fürs den mobilen Computerzugriff:

Simplify Music 2
Falls die Musiksammlung nicht aufs iPhone passt bzw. man einen bestimmten Song hören will – hier die Lösung. Simplify Music shared die komplette iTunes Library übers Netz.

Simplify Photo
Selbiges gibt es auch für Fotos. Da ich meine 300GB nicht aufs Handy bringe, hol ich mir die Bilder lieber gezielt übers Internet.

Air Video
Was fehlt jetzt noch? Genau – Videos. Diese Applikation ist der Hammer! Nie wieder die unterschiedlichsten Dateien ins iPhone Format konvertieren müssen. Die Applikation rechnet jede Videodatei am Rechner live um und streamt sie aufs Handy. Fertige m4v-Dateien können natürlich auch ohne Conversion gestreamt werden.

Zumo Drive
1GB Speicherplatz im Web (upgradebar) für Dokumente, PDFs, Musik, Videos. Jederzeit verfügbar.

LogMein
Braucht man doch einmal vollen Zugriff auf den Computer, kann man sich wunderbar und komplett problemlos mit LogMein einloggen.

Mit fehlt nun nur noch eine Tastatur, die mit dem iPhone kompatibel ist – dann muss ich das Macbook nichtmal mehr auf die Uni mitnehmen. 🙂





Bub sei g’scheit und studier… nicht

11 10 2009

Langsam wirds ja dann schon fad über die Probleme des Durchschnittsstudenten 2.0 zu lesen, oder? Keine Angst, ich hab eh auch andere Themen, die nur darauf warten, gebloggt zu werden. Aber die meisten werden wohl in der Lade verstauben. Wieso?
Die Uni hat begonnen, ich hab wie immer tolle Lehrveranstaltungen und bin top motiviert, mich über Literatur, Webseiten, Forschungen, Kameras und andere Utensilien zu schmeißen. Also wenig Zeit für Blogbeiträge, die sowieso keiner liest.

Leider bin ich wohl die letzte Generation, die noch etwas Spaß und Motivation am Studium haben kann.

Als absoluter Allrounder, dessen Interessen, sollte ich sie kurz erläutern müssen, sich rund um Journalismus, neue Medien, Forschung, Psychologie, Musik, Foto und Film drehen habe ich mein Studium, Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, aufgrund meiner hohen Affinität zu diesem Fach, der Diversität der Ausbildung und der relativen Wahlfreiheit von Lehrveranstaltungen gewählt.
Seit ich nun studiere wird stetig am System herumgepfuscht (Danke, Herr Hahn) und plötzlich geht es nicht mehr darum, nach seinen Forschungsinteressen zu studieren, sondern irgendwie, möglichst schnell, durchzukommen.

Oft werden die Studenten kritisiert, weil der Trend zum Stressstudium in Rekordzeit geht. Doch es ist das Wissen, dass einem der dunkle Schatten der Verbürokratisierung nacheilt, dass einem heutzutage antreibt.

Eine kleine Timeline (on the fly, direkt aus meinem Kopf) über die wichtigsten Ereignisse der jüngsten Vergangenheit:

2004: Das Bologna-System ereilt die Publizistik. Der Bachelor/Master wird eingeführt. Das Studium dauert nun ein Jahr länger, dafür wird das alte, 4- Jahre Diplomstudium, in die 3 Jahre Bachelor gequetscht, damits keine halbe Ausbildung wird. Ein bekanntes Problem in der Umstellungsphase.

2006: eine neue Version des Bachelor wird eingeführt. Grundlagen dominieren nun den Bachelor.

2007: Die Aufnahmeprüfung wird eingeführt. Ich beginne mein Studium. Durch das neue System melden sich wie durch Geisterhand etwa 300 Studenten wieder ab und keiner muss abbrechen, wenn er überall positiv war.

2008: Die Aufnahmeprüfung wird abgeschafft, dafür kommt das Modulsystem. Man muss im ersten Semester alle vorgeschriebenen Prüfungen positiv haben, damit man im zweiten Lehrveranstaltungen besuchen darf, dann im zweiten alle vorgeschriebenen Prüfungen positiv haben, bevor man überhaupt andere Fächer besuchen darf. Wenn man also im ersten Semester eine Prüfung verhaut, verliert man ein ganzes Jahr.

2009: verpflichtende Studieneingangsphasen, Studiengebühren werden teilweise abgeschafft, die Wahlfächer werden stark eingeschränkt (Erweiterungscurricula statt WAHLfächer), vereinheitlichte Anmeldung mit Punktesystem, Einschränkung der zulässigen Studierendenzahlen in Lehrveranstaltungen (zB. 250 statt 1000, 220 statt 550), Pflichtlehrveranstaltungen für die es 0 (null) ECTS gibt, neue Uni-Gesetznovelle, Verbot Prüfungsbögen zu kopieren, NC-Möglichkeit für Bachelor, Zugangsbeschränkung für Master und Doktoratstudien, Schwächung des Mitspracherechts der Studentenvertretung

Man sieht also – der Trend geht zur Gleichschaltung und zur Einflussnahme von Lobbys und Politik ins Universitätssystem. Vorbei sind ab sofort die Zeiten, an denen man sich Studienpläne frei und nach Forschungsinteresse zusammenstellen konnte. Es geht nicht mehr um Forschung und Bildung – nur noch um schnelle systematische Ausbildung in acht Geschmacksrichtungen.

Die Ausrede der Politik? Man werde von ausländischen, zumeist Deutschen Studenten überschwemmt und muss dem entgegenwirken.
Kommt man auf die Idee, eine vorausschauende Bildungspolitik zu betreiben, vielleicht ein bilaterales Abkommen mit Deutschland zu erarbeiten? Die Chance zu nutzen und Österreich als Bildungs- und Forschungsland zu etablieren? Jedem die Möglichkeit bieten, sich fortzubilden? Geld in das wichtigste Gut der heutigen Gesellschaft, die Bildung, zu investieren?

Nein. Man erschwert das System lieber für alle Studenten, indem man die Zugänge restriktiert und das System so kompliziert macht, dass man schon fast ein eigenes Studium braucht, um den Mikrokosmos Uni zu verstehen.

Ich bin froh, einer der letzten zu sein, die noch halbwegs ihren eigenen Interessen folgen konnten.
These times are over