Klogänge statistisch auswerten

14 06 2009

„Jetzt gibt es ja einen neuen Dienst im Internet. Da schreibt man ‚Putze Zähne – jetzt.‘ ‚Gehe Toilette.‘ Ganze Sätze benutzt die Jugend ja nicht mehr. Wen interessiert denn das? Welche Leute nutzen den solche Dienste?“

„Ich“ meinte ich. Wir saßen in einer kleinen Studentengruppe mit unserem Professor beim Mittagessen und hatten gerade ausführlich die Pros und Cons der jungen Generation, den Digital Natives, besprochen. Rechnen und ordentlich schreiben können sie nicht mehr, Sozialkompetenzen gehen auch schon flöten. Ja so läuft das heutzutage. Man muss sich in der heutigen Welt als Jugendlicher soviele Kompetenzen aneignen, soviel können und leisten, dass man halt nichts sehr gut, dafür vieles durchschnittlich kann. Man muss eben wissen, wo man nachsieht – der Einzelne ist dumm, die Gruppe höchstintelligent, effektiv. Man arbeitet im Grid, nicht jeder einzeln für sich. Die Gesellschaft von heute.

Dr. Gary Small, Professor für Neurowissenschaften am UCLA, schreibt beispielsweise in seinem Buch iBrain, dass er Hinweise gefunden hat, dass durch den ständigen parallelen Medienkonsum, biochemische Prozesse ausgelöst werden, die das Gehirn verändern. Die neue Generation kann ausgezeichnet mit neuen Medien umgehen, jedoch schwinden Sozialkompetenzen und die Fähigkeit, sich auf längere Texte zu konzentrieren. Mit den heranwachsenden Digital Natives ändert sich die Gesellschaft grundlegend – Generationenkonflikt vorprogrammiert.

Aber zurück zu – ja genau – Twitter war der Dienst, den mein Professor gemeint hat. War sicherlich nicht böse gemeint. Sein Fachgebiet hat absolut nichts mit neuen Medien zu tun und die Selektion bezüglich Informationen zu neuen Medien fällt bei Digital Immigrants bzw. digitalen Uninteressierten oft einseitig aus.
Ja – man kann es wunderbar dazu verwenden, seinen aktuellen Klogang in Echtzeit zu dokumentieren und für die Nachwelt festzuhalten. Aber wie schon erwähnt – die Masse machts.
Zuerst, als Basics was Twitter noch so kann, ein kurzes Video von einem Vortrag von Twitter-Gründungsmitglied Evan Williams

Man kann den Dienst also so nutzen, wie man es selbst als richtig erachtet, zum Beispiel seine besten Homies adden, um ja keine Minute vom Leben des anderen zu versäumen – oder sich ein Netzwerk aus Experten seiner Lieblingsdisziplin aufbauen und schon den neuesten Scheiß wissen, lange bevors der Mainstream zu sehen bekommt – aber darüber hab ich ja bereits geschrieben.

Und nun zur Masse. Die produziert nämlich Daten, die nicht nur für Unternehmen interessant sein können. Max Kossatz hat in einem Vortrag einige wichtige Tools zur Auswertung erörtert – die dazugehörige Prezi-Präsi findet ihr hier. Vieles wird auch in meinem Blogbeitrag über Twitter-Tools genannt. Super ist, dass mit (derzeit etwa) 2,2 Milliarden Tweets praktisch unendlich freies Datenmaterial zur Verfügung steht, mit dem man Visualisierungen, Statistiken, ganze Forschungsprojekte, Meinungstendenzen und was einem sonst noch so einfällt generieren kann.

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Twitter Tools

1 04 2009

Unzählige Anwendungen gibt es mittlerweile für unser aller Lieblingsspielzeug Twitter. Es wird entwickelt, verbessert, visualsiert, Statistiken erstellt. Hier eine kleine Auswahl meiner liebsten Anwendungen.


Twittervision

Twittervision

Twittervision ist eher eine stylishe Spielerei, als eine sinnvolles Anwendung. Trotzdem macht es Spaß, zuzusehen, wie in aller Welt zu jeder Tages- und Nachtzeit fleißig gezwitschert wird. Natürlich kann nur ein Bruchteil der gesendeten Tweets angezeigt werden – wers auf die harte Tour will, dem empfehle ich die Public Timeline. Nanosekündliches reloaden nicht vergessen!


Twistori

Twistori

Spielerei Nummer zwei.
I love, I hate, I think, I believe, I feel, I wish
„Jeder“ Tweet, der mit diesen Wörtern beginnt, wird angezeigt. Sieht gut aus.


Tweetstats

Tweetstats

Du wolltest schon immer dein oder das Nutzungsverhalten anderer User auf Twitter näher erforschen? Tweetstats lässt keine Wünsche offen. Nicht nur die Zahl der durchschnittlichen Tweets pro Tag, auch die tägliche, sowie stündliche Zwitscherintensität wird gemessen. Netzforschungssperre


TweetEffect

TweetEffect
Willst du wissen, ob die letzte Meldung über deinen Klogang gut angekommen ist, bist du bei TweetEffect richtig. Hier siehst du genau, welche Tweets dir Follower gebracht oder gekostet haben.


Twitter StreamGraphs

StreamGraphs

Mit Streamgraphs kann man sich Assoziationen zu den letzten 1000 Tweets zu einem bestimmten Suchwort anzeigen lassen. Die Eingabe ist etwas zäh, aber es funktioniert.


Tweetnest

Twitnest
Lass dir mit Twitnest dein persönliches Vogelnest samt den Verbindungen deiner Follower untereinander anzeigen.


Twist

Twist
Worüber wird mehr gesprochen, welche Trends zeichnen sich ab? Twitter gibt Echtzeit-Feedback über Produkte des täglichen Lebens. Twist visualisiert sie.


Ping.fm
Ping.fm

Du bist in viel zu vielen Social Networks und hast die Übersicht über deine Statusmeldungen verloren? Mit dieser Anwendung kannst du von zahlreichen Devices (Handy, Email, Facebook, etc…) aus deinen Status versenden. Ping.fm verteilt dann deine Nachricht, dein Video oder dein Foto auf alle nur denkbaren Websiten, bei denen du angemeldet bist. Netzforschungssperre


Twe2

Twe2

In den USA oder in England kann man sich die Tweets seiner Freunde per SMS aufs Handy schicken lassen, in Europa ist dies seit kurzem nicht mehr möglich. Wenn du trotzdem @ Nachrichten oder Direct Messages auf dein Telefon gepusht haben willst, empfehle ich genannten Dienst.
Netzforschungssperre





Twitter

28 03 2009

Über Twitter bloggen?

Twitter ist microbloggen. Twitter verdrängt bloggen bzw. ersetzt es auf gewisse Weise. Doch bloggen über Twitter ist populär – vor allem, wenn es um Benutzerhinweise des Dienstes geht. Viele meinen dann, Twitter erfunden zu haben und die do’s and dont’s des Microblogging zu kennen. Natürlich aber soll jeder den Dienst so nutzen, wie er will, ihn auf die eigenen Bedürfnisse zuschneiden. Jeder wird irgendwen finden, dem er folgen will und jeder wird auch Follower bekommen. Es bilden sich Gruppen und Systeme. Die Tagcloud meiner abonierten Twitterer enthält zB. die Begriffe „social media“, „marketing“, „photography“ oder „blog“. Andere followen halt ihren Freunden, Lieblingscelebrities oder -politikern.

Im Twitterverse muss man sich aber auch entscheiden, was man will. Versucht man beispielsweise, möglichst viele Zuhörer bzw. eine potentielle Zielgruppe zu akquirieren oder auch nur im virtuellen Schwanzvergleich andere Twitterer mit Followerzahlen zu übertrumpfen, hat man zunehmend mit der Übersichtlichkeit der persönlichen Timeline zu kämpfen, dafür aber Vorteile, wenn man auf das Wissen der Crowd zurückgreifen oder Marketing betreiben will.

Wer die Übersicht wahren und Twitter als Echtzeit-Informationssystem nutzen will, sollte sich je nach individueller Aufnahmefähigkeit auf wenige hundert Abonements beschränken, die dafür Qualität versprechen.

Der beste Mix wäre also, viele Follower zu haben und selber nur den interessantesten Usern zu folgen. Als Celebrity beispielsweise kein Problem.

(c) by nacaseven

Twitter und ich

Ich erstellte zu der Zeit einen Account, als gerade Janis Krums‘ Twitpic durch die Public Timeline geisterte und war natürlich sofort angetan von der neuen Art der Kommunikation, die hier geboten wurde. Coole Links, neueste Anwendungen, brandaktuelle News schon viel früher zu kennen, als die Mehrheit – das gefällt nicht nur dem Kommunikationswissenschaftler. Da viele meiner Offline-Freunde neue Gadgets und Anwendungen immer erst etwa 2 Jahre nach mir für sich entdecken, kam ich erst gar nicht in Verlegenheit, mit ihnen übers Frühstück zu twittern und konnte die Anwendung gleich als Informationsquelle bzw. als Prokrastination 2.0 verwenden. Twitter ist ein phantastisches Tool, es ist kurzweilig, man kann sich selber einbringen und auch etwas Selfmarketing betreiben, allerdings kostet eine intensivere Beschäftigung viel Zeit und Energie – vor der letzten Prüfungswoche schaffte ich es doch tatsächlich, an einem Tag 10 Stunden damit totzuschlagen.

Die Zukunft?

Seit Beginn des Jahres schwappt die Twitter (und Facebook) Welle auch über Europa herein, sogar Österreich ist dabei. Diese Welle verändert gerade nachhaltig den Journalismus, die sozialen Beziehungen sowie den Internetkonsum. Wer nicht mitzieht, riskiert eine Informationslatenz bzw. einen Knowledge-Gap, der v.a. in Medienberufen in vieler Hinsicht ein Nachteil sein kann.
Erschreckend an dieser Entwicklung ist auch, dass der klassische Journalismus langsam stirbt. Twitter weiß alles schneller, Blogs berichten in Wort und Bild vom Ort des Geschehens und Nachrichten-Webseiten sammeln diese Links und basteln einen Artikel daraus. Die Leser wandern ins Internet ab, können nun  mit Laptop oder Handy auf ihre Lieblingsseiten via RSS-Feed zugreifen. Die Printmedien büßen Leser ein, verlieren Anzeigekunden und müssen dann weiters am Personal sparen. Die dadurch überforderten Journalisten können nicht mehr selber recherchieren, werden nur noch von PR- und Presseagenturen beliefert und übernehmen diese Inhalte ungeprüft. Die Qualität sinkt, die Abwärtsspirale dreht sich. 85% der amerikanischen Medien werden den Printbetrieb in den nächsten 10 jahren einstellen. Twitter ist jetzt nicht alleinig schuld daran, aber die Beschleunigung der Information und der jederzeitige mobile Abruf via push oder pull trägt jedoch einen großen Teil dazu bei.