Bub sei g’scheit und studier… nicht

11 10 2009

Langsam wirds ja dann schon fad über die Probleme des Durchschnittsstudenten 2.0 zu lesen, oder? Keine Angst, ich hab eh auch andere Themen, die nur darauf warten, gebloggt zu werden. Aber die meisten werden wohl in der Lade verstauben. Wieso?
Die Uni hat begonnen, ich hab wie immer tolle Lehrveranstaltungen und bin top motiviert, mich über Literatur, Webseiten, Forschungen, Kameras und andere Utensilien zu schmeißen. Also wenig Zeit für Blogbeiträge, die sowieso keiner liest.

Leider bin ich wohl die letzte Generation, die noch etwas Spaß und Motivation am Studium haben kann.

Als absoluter Allrounder, dessen Interessen, sollte ich sie kurz erläutern müssen, sich rund um Journalismus, neue Medien, Forschung, Psychologie, Musik, Foto und Film drehen habe ich mein Studium, Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, aufgrund meiner hohen Affinität zu diesem Fach, der Diversität der Ausbildung und der relativen Wahlfreiheit von Lehrveranstaltungen gewählt.
Seit ich nun studiere wird stetig am System herumgepfuscht (Danke, Herr Hahn) und plötzlich geht es nicht mehr darum, nach seinen Forschungsinteressen zu studieren, sondern irgendwie, möglichst schnell, durchzukommen.

Oft werden die Studenten kritisiert, weil der Trend zum Stressstudium in Rekordzeit geht. Doch es ist das Wissen, dass einem der dunkle Schatten der Verbürokratisierung nacheilt, dass einem heutzutage antreibt.

Eine kleine Timeline (on the fly, direkt aus meinem Kopf) über die wichtigsten Ereignisse der jüngsten Vergangenheit:

2004: Das Bologna-System ereilt die Publizistik. Der Bachelor/Master wird eingeführt. Das Studium dauert nun ein Jahr länger, dafür wird das alte, 4- Jahre Diplomstudium, in die 3 Jahre Bachelor gequetscht, damits keine halbe Ausbildung wird. Ein bekanntes Problem in der Umstellungsphase.

2006: eine neue Version des Bachelor wird eingeführt. Grundlagen dominieren nun den Bachelor.

2007: Die Aufnahmeprüfung wird eingeführt. Ich beginne mein Studium. Durch das neue System melden sich wie durch Geisterhand etwa 300 Studenten wieder ab und keiner muss abbrechen, wenn er überall positiv war.

2008: Die Aufnahmeprüfung wird abgeschafft, dafür kommt das Modulsystem. Man muss im ersten Semester alle vorgeschriebenen Prüfungen positiv haben, damit man im zweiten Lehrveranstaltungen besuchen darf, dann im zweiten alle vorgeschriebenen Prüfungen positiv haben, bevor man überhaupt andere Fächer besuchen darf. Wenn man also im ersten Semester eine Prüfung verhaut, verliert man ein ganzes Jahr.

2009: verpflichtende Studieneingangsphasen, Studiengebühren werden teilweise abgeschafft, die Wahlfächer werden stark eingeschränkt (Erweiterungscurricula statt WAHLfächer), vereinheitlichte Anmeldung mit Punktesystem, Einschränkung der zulässigen Studierendenzahlen in Lehrveranstaltungen (zB. 250 statt 1000, 220 statt 550), Pflichtlehrveranstaltungen für die es 0 (null) ECTS gibt, neue Uni-Gesetznovelle, Verbot Prüfungsbögen zu kopieren, NC-Möglichkeit für Bachelor, Zugangsbeschränkung für Master und Doktoratstudien, Schwächung des Mitspracherechts der Studentenvertretung

Man sieht also – der Trend geht zur Gleichschaltung und zur Einflussnahme von Lobbys und Politik ins Universitätssystem. Vorbei sind ab sofort die Zeiten, an denen man sich Studienpläne frei und nach Forschungsinteresse zusammenstellen konnte. Es geht nicht mehr um Forschung und Bildung – nur noch um schnelle systematische Ausbildung in acht Geschmacksrichtungen.

Die Ausrede der Politik? Man werde von ausländischen, zumeist Deutschen Studenten überschwemmt und muss dem entgegenwirken.
Kommt man auf die Idee, eine vorausschauende Bildungspolitik zu betreiben, vielleicht ein bilaterales Abkommen mit Deutschland zu erarbeiten? Die Chance zu nutzen und Österreich als Bildungs- und Forschungsland zu etablieren? Jedem die Möglichkeit bieten, sich fortzubilden? Geld in das wichtigste Gut der heutigen Gesellschaft, die Bildung, zu investieren?

Nein. Man erschwert das System lieber für alle Studenten, indem man die Zugänge restriktiert und das System so kompliziert macht, dass man schon fast ein eigenes Studium braucht, um den Mikrokosmos Uni zu verstehen.

Ich bin froh, einer der letzten zu sein, die noch halbwegs ihren eigenen Interessen folgen konnten.
These times are over

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Multimedia-Berufsfelder

15 05 2009

Wie verändert sich der Journalismus? Wie verändert sich die Qualität, wenn immer weniger Journalisten immer mehr leisten müssen. Welche Möglichkeiten bieten technische Konvergenzen? Wieso werden Online-Journalisten nicht nach dem Journalisten-Kollegtivvertrag bezahlt? Wird es in 5 Jahren noch Tageszeitungen geben? Was bringt die Zukunft?

Diesen und vielen weiteren Fragen gehen wir dieses Semester in einer äußerst interessanten Multimedia-Übung am Publizistischen Institut der Uni Wien nach.

Nationale JournalistInnen und internationale ExpertInnen werden derzeit von uns Studenten interviewt. Freut euch auf zahlreiche Podcasts, Videos, Fotos, Email- und Twitterinterviews u.a. mit Robert Misik, Karin Sawetz, Max Kossatz, Armin Wolf, Howard Rheingold oder Ritchie Pettauer.

Die Ergebnisse und weitere Erkenntnisse findet man dann laufend auf unserem gemeinsamen Blog http://multimedia-berufsfelder.blogspot.com und in der dazugehörigen Facebook-Gruppe „Multimedia-Berufsfelder“

Update! Hier das Video vom Ritchie-Interview.





Twitter

28 03 2009

Über Twitter bloggen?

Twitter ist microbloggen. Twitter verdrängt bloggen bzw. ersetzt es auf gewisse Weise. Doch bloggen über Twitter ist populär – vor allem, wenn es um Benutzerhinweise des Dienstes geht. Viele meinen dann, Twitter erfunden zu haben und die do’s and dont’s des Microblogging zu kennen. Natürlich aber soll jeder den Dienst so nutzen, wie er will, ihn auf die eigenen Bedürfnisse zuschneiden. Jeder wird irgendwen finden, dem er folgen will und jeder wird auch Follower bekommen. Es bilden sich Gruppen und Systeme. Die Tagcloud meiner abonierten Twitterer enthält zB. die Begriffe „social media“, „marketing“, „photography“ oder „blog“. Andere followen halt ihren Freunden, Lieblingscelebrities oder -politikern.

Im Twitterverse muss man sich aber auch entscheiden, was man will. Versucht man beispielsweise, möglichst viele Zuhörer bzw. eine potentielle Zielgruppe zu akquirieren oder auch nur im virtuellen Schwanzvergleich andere Twitterer mit Followerzahlen zu übertrumpfen, hat man zunehmend mit der Übersichtlichkeit der persönlichen Timeline zu kämpfen, dafür aber Vorteile, wenn man auf das Wissen der Crowd zurückgreifen oder Marketing betreiben will.

Wer die Übersicht wahren und Twitter als Echtzeit-Informationssystem nutzen will, sollte sich je nach individueller Aufnahmefähigkeit auf wenige hundert Abonements beschränken, die dafür Qualität versprechen.

Der beste Mix wäre also, viele Follower zu haben und selber nur den interessantesten Usern zu folgen. Als Celebrity beispielsweise kein Problem.

(c) by nacaseven

Twitter und ich

Ich erstellte zu der Zeit einen Account, als gerade Janis Krums‘ Twitpic durch die Public Timeline geisterte und war natürlich sofort angetan von der neuen Art der Kommunikation, die hier geboten wurde. Coole Links, neueste Anwendungen, brandaktuelle News schon viel früher zu kennen, als die Mehrheit – das gefällt nicht nur dem Kommunikationswissenschaftler. Da viele meiner Offline-Freunde neue Gadgets und Anwendungen immer erst etwa 2 Jahre nach mir für sich entdecken, kam ich erst gar nicht in Verlegenheit, mit ihnen übers Frühstück zu twittern und konnte die Anwendung gleich als Informationsquelle bzw. als Prokrastination 2.0 verwenden. Twitter ist ein phantastisches Tool, es ist kurzweilig, man kann sich selber einbringen und auch etwas Selfmarketing betreiben, allerdings kostet eine intensivere Beschäftigung viel Zeit und Energie – vor der letzten Prüfungswoche schaffte ich es doch tatsächlich, an einem Tag 10 Stunden damit totzuschlagen.

Die Zukunft?

Seit Beginn des Jahres schwappt die Twitter (und Facebook) Welle auch über Europa herein, sogar Österreich ist dabei. Diese Welle verändert gerade nachhaltig den Journalismus, die sozialen Beziehungen sowie den Internetkonsum. Wer nicht mitzieht, riskiert eine Informationslatenz bzw. einen Knowledge-Gap, der v.a. in Medienberufen in vieler Hinsicht ein Nachteil sein kann.
Erschreckend an dieser Entwicklung ist auch, dass der klassische Journalismus langsam stirbt. Twitter weiß alles schneller, Blogs berichten in Wort und Bild vom Ort des Geschehens und Nachrichten-Webseiten sammeln diese Links und basteln einen Artikel daraus. Die Leser wandern ins Internet ab, können nun  mit Laptop oder Handy auf ihre Lieblingsseiten via RSS-Feed zugreifen. Die Printmedien büßen Leser ein, verlieren Anzeigekunden und müssen dann weiters am Personal sparen. Die dadurch überforderten Journalisten können nicht mehr selber recherchieren, werden nur noch von PR- und Presseagenturen beliefert und übernehmen diese Inhalte ungeprüft. Die Qualität sinkt, die Abwärtsspirale dreht sich. 85% der amerikanischen Medien werden den Printbetrieb in den nächsten 10 jahren einstellen. Twitter ist jetzt nicht alleinig schuld daran, aber die Beschleunigung der Information und der jederzeitige mobile Abruf via push oder pull trägt jedoch einen großen Teil dazu bei.